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perplex

expansive Komplexität

23. November bis 23. Dezember 2007

   
   
Öffnungszeiten: Do - So, 16 - 19 Uhr
   
     
 

Teilnehmende KünstlerInnen:

Fayrouz Abdelhakam
Christoph Bangert
bassfrucht [Mathias Funk und Ansgar Silies]
Marcel Bleeck
Studio Düsburg
Franziska Frey
Maria Gamper
Agata Gostkowska & Leif Schmidt
Joachim Grommek
Sebastian Hempel
Barbara Hoheisel
Ruben Kindermans
Heike Lessel
Friederike Mainka

Ivo Mayr
Martina Muck
Babak Saed

 
   
   
 
 

 

     
 

Der Titel der Ausstellung perplex wendet sich an den Betrachter: er kann bei jeder einzelnen dieser ausgestellten Arbeiten vielfältige Anspielungen und Andeutungen finden und versuchen, diese komplexen Zusammenhänge zu entwirren; überrascht ist er damit beschäftigt, probeweise diese unerwartet auftauchende Komplexität zu ordnen, um eine sinnvolle Einheit zu finden. Wobei merkwürdig bleibt, dass zum einen diese eigentümliche Komplexität nicht in einer tatsächlich präsentierten Vielfalt der sichtbaren Formen und Komponenten wiedergegeben ist, und dass zum anderen sie sich trotz der wenigen Anhaltspunkte in der Vorstellung immer weiter entwickelt, also sich nicht durch eine Entschlüsselung restlos eingrenzen lässt. In der Ausstellung perplex geht es neben dem Thema, wie komplex die einzelne Arbeit in ihrer Wirkung und möglichen Bedeutung ist, besonders auch um das Phänomen, dass die Arbeiten überhaupt komplex sind. Gemeint ist damit die Frage nach den künstlerischen Strategien für diese besondere – expansive – Komplexität.

 
 
 
  Ausführliches Ausstellungskonzept als pdf zum Downloaden: hier


Anlässlich der Ausstellung ist eine Publikation erschienen: stretching a point
 

 

 
  Fayrouz Abdelhakam  
   
   
 
 

Fayrouz Abdelhakams Arbeit hat ein sehr ernstes Thema als Hintergrund: im Sudan werden immer wieder Frauen zum Tode durch Steinigung verurteilt. Der Betrachter sieht aber zuerst einmal kleine, harmlos bunte Stoffballen auf dem Boden liegen und assoziiert vielleicht Kinderspielzeug. Es handelt sich aber um Steine, die mit Stofffetzen von Frauenkleidern eingenäht wurden. Über den ernsten Hintergrund aufgeklärt, ist der Betrachter über den schrecklichen Widerspruch zwischen der Erscheinung und der Bedeutung der Arbeit irritiert und möglicherweise entsetzt. Die Arbeit läßt auch an einen Ausspruch von Beuys denken: Wer sich mit einem Messer schneidet, muss die Klinge verbinden.

 
 
     
  Christoph Bangert  
 
   
   
 

 

Christoph Bangert malt geometrische Strukturen. Die Vorzeichnungen seiner Bilder sind Endlossysteme (loops), die er mit einem Computerprogramm errechnet. Die Malerei dagegen ist traditionell in einer Lasurtechnik realisiert. Die Kanten der Binnenflächen werden von ihm geduldig schichtweise unscharf gemalt: die geometrischen Strukturen versprechen die nachvollziehbare Logik einer einfachen Ordnung, die der Betrachte aber nie sehen kann, denn er sieht verschiedene Bildräumlichkeiten, die langsam auftauchen und – sobald der Betrachter einen Eindruck fixieren will – verschwinden: Platz für wieder eine andere Sichtweise.

 
 
     
Bassfrucht  
 
 
 
   
 

Bassfrucht (Mathias Funk und Ansgar Silies) arbeiten mit Klangphänomenen: alltägliche Dinge wie Tellerstapel und Tassen in einem Regal werden mittels bestimmter Tonfrequenzen als Impulse zum Klingen gebracht. Aber auch diese Tonimpulse sind wiederum nur aufgezeichnete Geräusche (von der Strasse draußen) und entsprechend bearbeitet. So entsteht als gestaltete Klangabfolge etwas besonderes: was mehr ist, als die banalen Geräusche und gleichzeitig aber noch nicht eine in sich geschlossene, komponierte Musik.

   
     
  Marcel Bleeck  
 
   
   
 

 

Marcel Bleeck baut mit gleichen Stapelstühlen – wie ein Bildhauer – eine Plastik: dabei ist sein Ehrgeiz, dass diese komplett auf nur einem Stuhl stehen bleibt. Er bekommt bei der Arbeit immer größere Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Balance und Ausgewogenheit sind traditionelle Maßstäbe für die Komposition in der Bildenden Kunst, gerade auch in der Bildhauerei und der Malerei. Irgendwann scheitert Bleeck und die Plastik stürzt in sich zusammen: das Ende der Videoarbeit. Das Scheitern ist so als künstlerische Qualität mit thematisiert.

 
 
     
Studio Düsburg  
 
 
 
   
 

Das Studio Düsburg (Martin Bellgardt und Agnes Giannone) zeigt eine Videoarbeit: das Fahrgestell incl. Motor eines alten Autos (Modell VW-Passat) trägt statt einer Karosserie eine schwere Betonplatte, ist aber trotzdem fahrtüchtig: es bewegt sich in einer öden Einfamilienhaussiedlung auf die Kamera zu (auf der Platte hockt der Fahrer, wie auf einem fliegenden Teppich), wieder rückwärts von der Kamera weg, auf die Kamera zu, wieder von der Kamera weg, ...

   
     
Franziska Frey  
 
 
 
 
 

Franziska Frey übernimmt architektonische Gegebenheit in den immer besonderen Ausstellungsräumen und denkt – also gestaltet – diese als Wandzeichnung weiter. Die Winkelstellung der Bodenfliesen zu den nicht rechtwinklig in den Raum gebauten Wänden zum Beispiel werden auffällig und sind so Teil einer übergreifenden zeichnerischen Raumstruktur. Der Bereich der zweidimensionalen Zeichnung im dreidimensionalen Realraum bleibt mehrdeutig. Die Zeichnung selbst wird als reale Schnitte in die Wandfläche gefräst.

   
     
Maria Gamper
 
 
 
 
 

 

Maria Gamper baut mit üblichen und preiswerten Materialien aus Heimwerkerläden Plastiken, die an die Minimal Art erinnern. Die berühmten Werke von Judd sind dagegen aus hochwertigen Material und instustriell präzise und perfekt hergestellt. Diese Perfektion wird rückblickend vor den Arbeiten von Gamper als kalt und distanzierend empfunden. Darüber hinaus sind die Arbeiten von Gamper auch ironisch und spielerischer, sie beziehen die alltäglichen, banalen Erfahrungen des Betrachters mit diesem Allerweits-Material mit ein.

   
     
  Agata Gostkowska & Leif Schmidt  
 
   
   
 

 

Agata Gostkowska und Leif Schmidt zeigen eine Videoarbeit: zu sehen ist ein enges, aus der Vogelperspektive gefilmtes Treppenhaus. Zwei Personen (die Autoren) tragen Gegenstände rauf oder runter: weder der Rhythmus, noch die Gegenstände als solche und die Reihenfolge verraten eine Handlungslogik. Es kann kein Umzug sein. Die angedeutete Erzählstruktur bleibt unsinnig und absurd: Parallelen zum Komplex der Sisyphus-Mythologie kommen so mit ins Spiel.

 
 
     
Joachim Grommek  
 
 
 
   
 

Joachim Grommek zeigt Sockel, auf denen die Exponate fehlen: sind die weggenommen und noch nicht wieder zurückgestellt worden? Scheinbar sind die Sockel frisch gestrichen: die Leerstellen verraten, dass da etwas präsentiert wurde und nun fehlt: ein Kunstwerk? Dass der Betrachter sich etwas vorstellt, was nicht mehr (oder noch nicht) vorhanden ist, ist die Steigerung eines ready mades. Grommek geht aber noch weiter: die Leerstellen sind gar keine, im Gegenteil: sie sind auf die mit weißem Kunststoff beschichteten Hartfaseplatten gemalt, also eine malerische Illusion.

   
     
Sebastian Hempel  
 
 
 
 
 

Sebastian Hempel zeigt eine Rauminstallation: unzählige gelbe Kunststoffstreifen hängen bis auf Augenhöhe herab und bilden ein dichtes Feld. Sie sind alle an einem Laufband befestigt, das sich, von Ruhepausen unterbrochen, als unendliche Schleife und in engen Serpentinen schnell bewegt. So werden die schlaff hängenden Streifen in ein gleichmäßig chaotisches Gebilde, in sich bewegt und unter der Decke schwebend, umgeformt.

   
     
Barbara Hoheisel
 
 
 
 
 

 

Barbara Hoheisel arbeitet mit dem bekannten Materialien für Malerei: ein großer Keilrahmen, auf den üblicherweise die Leinwand gespannt wird, ist bei ihr aber mit farbigen Gurten auf Spannung gezogen. Die formal-ästhetische Spannung, die an späte Kompositionen von Mondrian erinnern könnte, wird hier ganz real sicht- und spürbar.

   
     
Ruben Kindermans  
 
 
 
 
 

Ruben Kindermans zeigt einen kurzen Film: zu sehen ist ein junger Mann, der im Hinterhof einer verfallenen Fabrik verschiedene, mehr oder weniger sinnlose, Kunststückchen mit Bällen ausprobiert (und zwischendurch auf einer E-Gitarre übt). In der Folge sieht man, wie er bei diesen Versuchen immer mal wieder scheitert und dann schließlich doch etwas sehr unwahrscheinliches zustande bringt: der geworfene Ball bleibt z.B. genau passend zwischen zwei Stangen über ihm eingeklemmt. War es Zufall oder Glück? (Oder hat er so lange gedreht, bis es endlich gelang und alle anderen Fehlversuch rausgeschnitten?) Der Film erinnert mit seinem Darsteller und seinem hintergründigen Humor an den jungen Buster Keaton: banale Situationen, die so unwahrscheinlich und komisch sind, dass der Betrachter über die geglückten (aber auch sinnlosen) Handlungen, über das Gelingen, erfreut lachen muss.

   
     
Heike Lessel
 
 
 
 
 

 

Heike Lessel malt scheinbar monochrome Tafelbilder. Die Farbigkeiten sind von einer beeindruckenden Qualität. Langsam trennt sich dann doch beim Hinsehen eine Figur vom Hintergrund: die Tonwertunterschiede sind äußerst gering, die Grenze zwischen der Figur vor dem Hintergrund ist zu erahnen, nicht eindeutig zu sehen. Dass die Figur ein angeschnittenes Oval ist, verstärkt den rätselhaften Eindruck einer Bildräumlichkeit: wir verstehen eine ovale Form eher als eine perspektivisch verzerrte Kreisform. Da aber der Kontext einer perspektivischen Konstruktion fehlt und die Form durch den Anschnitt mit der Bildfläche verbunden bleibt, ist diese Bildräumlichkeit immer uneindeutig.

   
     
  Friederike Mainka  
 
   
   
 

 

Friederike Mainka erschafft durch das Spannen eines Fadens zwischen Boden und Decke im Kellerraum durchscheinende Binnenbereiche. Die zarte Arbeit selbst steht in einem spannungsvollen Gegensatz zum dunklen und groben Keller einer ehemaligen Zeche, in dem bis heute der Kohlendreck an den Wänden hängt. Die fertige Arbeit ist nie ganz zu erfassen, man kann nur jeweils Teile sehen: der Raum ist so hoch und extrem eng, dass man keinen größeren Abstand einnehmen kann und die Arbeit (der Faden) läuft auch um eine Ecke.

 
 
     
Ivo Mayr  
 
 
 
   
 

Ivo Mayr zeigt Fotografien, auf denen einzelne Personen scheinbar schweben. Welche Empfindungen beim Betrachter ausgelöst werden könnten, bleibt dabei offen. Der Betrachter kann auch an eine berühmte Fotomontage von Yves Klein denken: der Künstler springt aus einem Fenster nach draussen (oder springt er in die Tiefe?), in die vollkommene Freiheit, jeseits der objektiven Vernunft. Und die Fotos erinnert an Bilder von René Magritte, auf denen schwere Felsen über einem Strand schweben. Auch die Fotos von Mayr zeigen eine Bildsprache, die mit unserem körperlichen Gespür für Gravitation spielt und rätselhaft Geschichten andeutet.

   
     
Martina Muck  
 
 
 
 
 

Martina Muck arbeitet in ihren Installationen mit Licht: eigentlich ein traditionelles Thema der Malerei. Sie zerlegt übliche Lampen in ihre Bestendteile (Kabel, Schirm, Fassung, Glühbirne ...) und stellt diese in merkwürdigen Versuchsanordnungen neu zusammen. Da wirft z.B. eine Lichtquelle selbst einen Schatten, weil sie von einer helleren angestrahlt wird: physikalisch logisch, in der Anmutung jedoch rätselhaft paradox.

   
     
Babak Saed  
 
 
 
   
 

Babak Saed will den einzelnen Besucher zum Schaukeln einladen: neben einem Text an der Ausstellungswand, vor einem Fenster. Die Schaukelbewegung ist an sich ambivalent: sie hebt scheinbar für den Moment die Schwerkraft auf und lässt als Gefühl ein Gemisch aus Unsicherheit und Freiheit entstehen. Die aktuelle Erinnerung an die eigene Kindheit, also die eigene Geschichte, vermischt die Vergangenheit mit der Gegenwart des Einzelnen.

   
   
 

Einladungskarte ©:
Abbildungen
©: die KünstlerInnen

Organisation: Willi Otremba | Dr. Peter Schmieder | Elly Valk-Verheijen

unterstützt durch: Sparkasse Dortmund, Kulturbüro der Stadt Dortmund